
Carrying – Welche Geschichten tragen Orte (in sich)? – Ausstellung im Museum Brandhorst
15. Mai 2026Of One Blood – Uraufführung einer zeitgenössischen Oper in der Bayerischen Staatsoper
Of One Blood - Öffnen der Sarkophage von Labormitarbeitern als Beginn der Spurensuche. Foto: Monika Rittershaus
Moderne klassische Musik erzeugt nicht bei jedem Musikliebhaber große Freude. Oft sind atonale Melodiefolgen, ständiger Rhythmuswechsel, der Einsatz von elektronischen Einspielungen und vielleicht auch noch heftiger Einsatz von Trommeln gemischt mit Zitaten zeitgenössischer Rennaissancemusik auf dem Cembalo ein Graus für viele Klassikliebhaber.
Und genau hier bietet die erstmals gespielte Oper „Of One Blood“ des australischen Komponisten Brett Dean einen Gegenpol an. Es entsteht ein akribisch komponierter Klangteppich gemixt mit Melodien. Die Inhalte und die Dramaturgie der Handlung passen mit der Komposition bestens zusammen. Handlung, Inhalte, Gesang, Musik und Bühnenbild unterstützen sich gegenseitig und verschmelzen zu einem intensiven Opernerlebnis.

Die Oper in der Inszenierung von Claus Guth lädt zu einer Spurensuche in die inneren Welten der Königinnen Mary Stuart und Elizabeth Tudor, und deren Ringen um Herrschaft und Macht ein. Grundlage des Librettos von von Heather Betts bilden historische Briefe und Gedichte von Mary Stuart, Elizabeth Tudor und anderen Quellen aus dem 16. Jahrhundert. Sie bieten den Blick auf die innere Welt der beiden Herrscherinnen.
Ort des Geschehens ist ein Labor, das auch Westminster Abbey sein kann. Dort werden die beiden Sarkophage der Königinnen Elisabeth und Maria von Schottland von einem Wissenschaftlerteam geöffnet. Dieses Wissenschaftlerteam forscht dann bekleidet in Schutzanzügen in einem Reinraum nach der Vergangenheit der beiden Königinnen. Es werden Briefe und Fragmente geborgen, es wird das Schreiben von Briefen geräuschvoll inszeniert. Es folgen Briefe, Verschwörungen und Urteile, die öffentlich gemacht werden. Vermutlich rekonstruieren die weiß-vermummten Gestalten die Geschehnisse bis zur Hinrichtung Marys. Die wesentlichen handelnden Figuren werden jeweils einzeln auf die Bühne begleitet. Dann spielen oder singen sie ihren Part und werden wieder weggeführt. Am Ende zerbricht Königin Elisabeth daran, dass sie das Todesurteil unterschrieben hat, und sich fragt: „Was habe ich hier getan?“

Der Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski hat das bewährt großartige Bayerische Staatsorchester diszipliniert in seiner Hand. Die Körpersprache seines Dirigats zelebriert förmlich die Dramatik der Oper und der Inszenierung.
Auch die beiden Sopranistinnen Johanni van Oostrum als Elizabeth Tudor, Queen of England, sowie Vera-Lotte Boecker in der Partie der Mary, Queen of Scots bieten eine großartige künstlerische Darstellung mit einer sicherlich nicht einfach zu singenden Partitur. Zurück bleibt ein zurecht begeistertes Publikum.
Fotos: Monika Rittershaus
Text: Joachim Skambraks – Chefredakteur Bayern


